Anfang August war ich mit 65 Menschen im ImproHotel auf Schloss Hohenfels. Eine Woche lang haben wir gemeinsam improvisiert, Workshops besucht, gespielt, gesungen, Bühnen erobert, Fehler gemacht und darüber gelacht. Wir haben gut gegessen, viel geredet, sind ins Wasser gesprungen, haben Karaoke gesungen und vermutlich alle ein bisschen weniger geschlafen, als ursprünglich geplant.
Und jedes Mal, wenn so eine Woche vorbei ist, frage ich mich: Was passiert da eigentlich?
Natürlich könnte ich sagen, dass wir eine Woche Improvisationstheater machen. Dass Menschen gemeinsam Szenen entwickeln, Workshops besuchen und sich auf der Bühne ausprobieren. Das stimmt alles. Trotzdem beschreibt es nur einen kleinen Teil von dem, was in dieser Woche tatsächlich entsteht.
Denn das Entscheidende passiert oft irgendwo dazwischen.
Menschen, die sich größtenteils nicht kennen
Am Anfang kommen 65 Menschen mit ihren Koffern auf Schloss Hohenfels an. Sie bringen unterschiedliche Berufe, Lebensgeschichten und Erfahrungen mit. Manche kennen sich schon seit Jahren, andere kennen zunächst überhaupt niemanden und müssen erst einmal herausfinden, wer hier eigentlich zu wem gehört.
Und dann passiert etwas, das mich auch nach mehr als 20 Jahren ImproHotel immer noch fasziniert: Die Grenzen werden erstaunlich schnell durchlässig.
Menschen spielen miteinander und erleben dabei, dass man gemeinsam scheitern kann, ohne dass gleich die Welt untergeht. Sie stehen zusammen auf einer Bühne, obwohl vorher niemand genau weiß, was gleich passieren wird. Beim Essen entstehen Gespräche, aus einem kurzen „Kommst du mit zum See?“ wird ein gemeinsamer Nachmittag und aus einem Karaoke-Abend wird plötzlich eine ziemlich ambitionierte Interpretation irgendeines Songs aus den Neunzigern.
Manche tanzen nachts, andere sitzen irgendwo im Schloss noch stundenlang zusammen und reden. Und irgendwann merkt man, dass aus den 65 Menschen, die am Anfang mehr oder weniger zufällig aufeinandertreffen, eine Gemeinschaft geworden ist.
Dabei wird aus den 65 Einzelnen zum Glück keine homogene Gruppe. Dafür sind Menschen viel zu unterschiedlich. Was entsteht, ist etwas viel Spannenderes: Verbindung.
Eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer schrieb anschließend:
„Rund 65 durchweg tolle Menschen von einer Offenheit, Tiefe und Positivität, wie ich es so geballt noch nie erlebt habe.“
Ein anderer beschrieb die Woche als eine Reise in eine „Parallelwelt auf Schloss Hohenfels“, in der Freundschaften entstanden sind.
Ich mag dieses Bild sehr. Vielleicht brauchen wir solche Parallelwelten gelegentlich. Orte, an denen für ein paar Tage andere Regeln gelten und wir ausprobieren dürfen, wie es sich anfühlt, wenn wir weniger darüber nachdenken, was eigentlich alles passieren könnte.
Improvisation ist viel mehr als Theater
Für mich war Improvisation noch nie einfach nur eine Bühnenkunst. Natürlich stehen wir auf der Bühne und entwickeln Szenen aus dem Moment heraus. Aber eigentlich trainieren wir dabei etwas, das uns auch außerhalb des Theaters ziemlich gut gebrauchen kann.
Wir lernen, einen Moment auszuhalten, ohne sofort wissen zu müssen, wie er weitergeht. Wir lernen zuzuhören, Angebote anderer anzunehmen und aus einer Situation etwas entstehen zu lassen, das vorher niemand geplant hat.
Und wir lernen, dass ein Fehler manchmal einfach eine überraschend gute Vorlage für die nächste Szene ist.
Im Alltag verbringen wir dagegen ziemlich viel Zeit damit, zu funktionieren. Wir planen, organisieren, optimieren und versuchen gelegentlich sogar, kompetenter auszusehen, als wir uns gerade fühlen. Beim Impro darf plötzlich etwas passieren, das im normalen Leben eher selten ausdrücklich erlaubt wird: Du darfst keine Ahnung haben.
Du darfst auf die Bühne gehen und noch nicht wissen, was deine Figur gleich sagen wird. Du darfst einen Fehler machen und schauen, was daraus entsteht. Du darfst überrascht sein und musst nicht sofort so tun, als hättest du natürlich längst damit gerechnet.
Und manchmal entsteht genau daraus etwas Großartiges.
„Man konnte, musste aber nicht.“
Dieser Satz aus unserem Feedback ist für mich fast eine kleine Lebensphilosophie. Eine Teilnehmerin schrieb über das ImproHotel: „Man konnte, musste aber nicht.“
Ich finde, darin steckt ziemlich viel von dem, was diese Woche ausmacht. Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich einzubringen. Du kannst auf die Bühne gehen, Workshops besuchen, mitsingen, tanzen oder einfach einen Menschen ansprechen, den du am Vortag noch gar nicht kanntest. Du kannst dich komplett ins Abenteuer stürzen oder erst einmal in Ruhe beobachten, was hier eigentlich passiert.
Beides ist völlig in Ordnung.
Denn Entwicklung braucht nicht permanent Druck. Manchmal braucht sie einen Raum, in dem etwas möglich ist und in dem jeder selbst entscheiden darf, wie weit er gehen möchte.
Und erstaunlicherweise stellt man dabei manchmal fest, dass man viel weiter gegangen ist, als man ursprünglich vorhatte.
Die Zahlen sind schön, die Sätze dahinter noch schöner.
Natürlich freue ich mich über Zahlen. Das ImproHotel bekam in unserem Feedback durchschnittlich 4,87 von 5 Punkten. Unsere Organisation ebenfalls 4,87 von 5. Da macht mein Improherz natürlich einen kleinen Freudentanz.
Noch mehr berühren mich allerdings die Sätze, die hinter diesen Zahlen stehen.
„Ihr habt etwas ganz Besonderes kreiert.“
Oder: „Die Woche war ein echtes Highlight für mich.“
Und dann gab es noch diesen Satz:
„Es war für mich eine der bemerkenswertesten, spannendsten, erkenntnisreichsten und schönsten Wochen überhaupt.“
Bei solchen Rückmeldungen merke ich wieder, warum wir das seit so vielen Jahren machen. Natürlich geht es um Improvisation, Theater und Kreativität. Es geht darum, auf einer Bühne zu stehen und gemeinsam etwas entstehen zu lassen, das vorher niemand genau planen konnte.
Vor allem geht es aber um Menschen und darum, was passieren kann, wenn Menschen sich wirklich begegnen.
Im echten Leben öfter improvisieren
Nach dieser Woche nehme ich selbst wieder einiges mit. Wir versuchen im Alltag häufig, Sicherheit dadurch herzustellen, dass wir möglichst genau wissen wollen, wie etwas ausgeht. Im Beruf genauso wie in Beziehungen, bei Veränderungen oder bei Entscheidungen.
Dummerweise hat das Leben einen kleinen Konstruktionsfehler: Es liefert uns vorher selten das Drehbuch.
Wir wissen meistens nicht, was in der nächsten Szene passiert. Also können wir eigentlich nur lernen, mit dem jeweiligen Moment besser umzugehen. Zuhören, wahrnehmen, reagieren, entscheiden und manchmal eben auch einen Fehler machen, darüber lachen und anschließend schauen, wie die Geschichte weitergeht.
Noch schöner wird das Ganze, wenn Menschen um uns herum sind, mit denen wir genau das gemeinsam tun können.
Vielleicht ist das die eigentliche Kraft der Improvisation. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht jede Situation kontrollieren müssen, um gut mit ihr umgehen zu können.
Und vielleicht ist das auch das Geheimnis dieser verrückten Woche auf Schloss Hohenfels.
65 Menschen kommen an und wissen nicht genau, was passieren wird.
Eine Woche später fahren 65 Menschen wieder nach Hause. Mit neuen Geschichten, neuen Begegnungen, vielleicht ein paar neuen Freundschaften und ziemlich sicher einigen Liedern im Kopf, die sie dort eigentlich gar nicht lernen wollten.
Und vermutlich sind sie ein kleines bisschen anders als bei ihrer Ankunft.
Ich freue mich jedenfalls schon aufs nächste ImproHotel. Denn das Leben fragt schließlich auch selten, ob du bereit bist. Meistens passiert einfach etwas und plötzlich bist du dran.
Bis dahin – bleibt flexibel!
eueR Ralf Schmitt
und das Team der Impulspiloten
Autor
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Ralf Schmitt ist Moderator, Keynote Speaker und Autor für Fehlerkultur, Mindset, Change und Flexibilität in Unternehmen. Unternehmen buchen ihn, wenn es darum geht, mit Unsicherheit souverän umzugehen, ein starkes Ja-Mindset zu entwickeln und Veränderung aktiv zu gestalten.
Er zählt zu den prägenden Speakern für moderne Führung, Zusammenarbeit und Veränderung in Unternehmen und steht für Keynotes mit hoher Interaktion, klarer Business-Relevanz und unmittelbarer Umsetzbarkeit – getragen von langjähriger Bühnen- und Praxiserfahrung sowie einer starken Mischung aus Expertise und Humor.
In seinen Vorträgen zeigt er, wie Unternehmen, Teams und Führungskräfte Fehler als Fortschritt nutzen, Flexibilität trainieren und auch unter Druck handlungsfähig bleiben.
Als Autor, Podcaster, Gründer der Impulspiloten GmbH und Initiator von ImproHotel entwickelt er Formate für Organisationsentwicklung, die Zusammenarbeit, Führung und Veränderung nachhaltig stärken.
Mehr über seine Arbeit:
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