Führung in Zeiten von KI: Warum Menschlichkeit zum Wettbewerbsvorteil wird

Beitrag teilen:

Expertentalk-joachim

Künstliche Intelligenz verändert unseren Arbeitsalltag mit einer Geschwindigkeit, bei der selbst eingefleischte Zukunftsoptimisten gelegentlich kurz durchatmen müssen. Prozesse werden automatisiert, Analysen laufen in Sekundenschnelle und Wissen ist jederzeit verfügbar. Großartig! Aber was passiert dabei mit der menschlichen Seite von Führung?

Genau darüber habe ich mit meinem GSA-Kollegen, mehrfachen Buchautor und Management-Coach Joachim Nickelsen gesprochen. Joachim begleitet Führungskräfte und Managementteams und verbindet seine langjährige Führungserfahrung mit Erkenntnissen aus der Zen-Meditation. In unserem Talk ging es um eine Frage, die Unternehmen unbedingt beschäftigen sollte: Wie nutzen wir die Chancen der KI, ohne dabei unsere Mitarbeitenden und den echten menschlichen Kontakt aus den Augen zu verlieren?

Denn eines ist klar: Eine gute KI-Strategie allein wird in Zukunft möglicherweise nicht ausreichen.

Wenn KI plötzlich schneller ist als der eigene Expertenstatus

Joachim hat selbst über 30 Jahre als Unternehmer und Führungskraft gearbeitet, unter anderem mit einer eigenen Softwarefirma in den 90er-Jahren und später als Interimsmanager. Gerade diese Erfahrung prägt seinen Blick auf die aktuellen Veränderungen.

Was ihm auffällt: Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte geraten zunehmend unter Druck. Das Gefühl, sich sofort mit KI beschäftigen zu müssen, um nicht schon morgen abgehängt zu sein, erzeugt Hektik und Unsicherheit.

Dabei sieht Joachim drei wesentliche Herausforderungen.

Erstens: Die Identität von Führungskräften steht auf dem Prüfstand.

Viele Menschen in verantwortlichen Positionen haben ihren beruflichen Wert über Wissen, Erfahrung und Urteilsvermögen definiert. Jetzt erleben sie, dass KI bestimmte Aufgaben schneller erledigen kann. Was passiert, wenn die Mitarbeitenden auf eine Frage nicht mehr die Führungskraft ansprechen, sondern einfach die KI fragen?

Der bisherige Expertenstatus gerät ins Wanken. Und damit möglicherweise auch die Frage: Was ist eigentlich noch mein Platz und meine Bedeutung als Führungskraft?

 

Zweitens: Der Druck kommt von allen Seiten.

Von oben und außen steigt die Erwartung, technologische Entwicklungen schnell umzusetzen und Effizienzgewinne zu realisieren. Gleichzeitig herrscht in vielen Teams Orientierungslosigkeit. Mitarbeitende fragen sich, welche Rolle sie künftig noch spielen und welchen Wert ihre Arbeit hat.

Joachim beobachtet bei einigen seiner Kunden regelrechte Panik und Unsicherheit. Das zeigt: Die KI-Transformation ist längst nicht nur eine technische Aufgabe. Sie betrifft Menschen, ihre Identität und ihr Sicherheitsgefühl.

Drittens: Die menschliche Nähe droht verloren zu gehen.

Und das ist für mich der spannendste Punkt. Denn KI kann uns bei vielen Aufgaben unterstützen. Aber wenn wir anfangen, auch unsere persönlichen Gespräche vollständig durch vorgefertigte Antworten zu ersetzen, wird es kritisch.

Joachim hat im Gespräch ein Beispiel genannt: Menschen lassen sich von der KI sogar erklären, wie sie ein Gespräch mit einem Kollegen beginnen sollen. Das kann hilfreich sein. Wenn ich die vorgeschlagene Formulierung allerdings nur noch ablese, entsteht daraus noch lange keine echte menschliche Verbindung.

Und genau diese Verbindung ist für Joachim der Ursprung wirkungsvoller Führung.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Vimeo. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Menschlichkeit als Wettbewerbsfaktor

Was also tun? Die Antwort liegt für Joachim in einer neuen Haltung zur Führung.

Die technologische Entwicklung wird weiter rasen. Das lässt sich nicht aufhalten, und das muss es auch nicht. KI bietet enorme Chancen, die wir nutzen sollten. Gleichzeitig brauchen Führungskräfte einen bewussten Gegenpol: die menschliche Nähe.

Joachim beschreibt Führung vor allem als Beziehungsmanagement und Interessenausgleich. Es geht darum, Menschen zu erreichen, Vertrauen aufzubauen und über echte Überzeugungskraft zu führen.

Das klingt im ersten Moment vielleicht etwas selbstverständlich. Aber wenn wir ehrlich sind, wissen wir alle, wie schnell im Tagesgeschäft die menschliche Seite untergeht. Termine, Zahlen, Projekte, Ziele und noch schnell eine Präsentation für morgen. Da bleibt die Frage „Wie geht es dir eigentlich wirklich?“ gerne auf der Strecke.

Und wenn sie gestellt wird, lautet die Antwort häufig: „Alles gut.“

Na, dann ist ja alles geklärt. Oder vielleicht auch nicht.

Joachim ist überzeugt, dass Unternehmen künftig eine gute KI-Strategie und eine gute Menschenstrategie brauchen. Unternehmen, in denen technologische Kompetenz mit einer menschlichen Führungskultur verbunden wird, können daraus einen Wettbewerbsvorteil entwickeln.

Denn Menschen wollen sich gesehen, wertgeschätzt und eingebunden fühlen. Das ist eine Grundlage für Vertrauen und Zusammenarbeit.

Führung beginnt von innen

Eine der zentralen Aussagen von Joachim ist: Führung beginnt immer bei uns selbst.

Wer mit sich selbst in einer guten Beziehung steht und Selbstvertrauen entwickelt, kann auch leichter Vertrauen zu anderen aufbauen. Diese Verbindung von innen nach außen ist für ihn gerade in Zeiten der KI-Transformation entscheidend.

Das war für mich ein besonders interessanter Gedanke aus unserem Gespräch.

In vielen Unternehmen werden Mitarbeitende aktuell in KI-Schulungen geschickt. Das ist wichtig, denn Wissen und praktische Fähigkeiten im Umgang mit der Technologie sind entscheidend. Joachim beobachtet allerdings, dass dadurch teilweise auch eine stärkere Vereinzelung entstehen kann.

Jeder baut sein individuelles Know-how auf. Führungskräfte versuchen möglicherweise, möglichst schnell alles zu verstehen, um anschließend Lösungen vorzugeben. So wird KI zu einem persönlichen Kompetenzprojekt, statt zu einer gemeinsamen Entwicklungsaufgabe.

Joachims Vorschlag: Macht die KI zum gemeinsamen Baby.

Was bedeutet das konkret? Wir setzen als Führungskräfte den Rahmen und beziehen das Team aktiv in die Entwicklung ein. Zum Beispiel mit der Frage:

Welche drei Themen kosten uns im Alltag am meisten Zeit? Und wie können wir gemeinsam überlegen, ob und wie uns KI dabei helfen kann?

Damit wird aus einer individuellen Lernaufgabe ein gemeinsames Projekt. Die Mitarbeitenden gestalten mit, entwickeln Lösungen und erleben, dass sie Teil der Veränderung sind.

Das kann eine ganz andere Dynamik erzeugen als die Vorstellung, jeder müsse für sich selbst möglichst schnell zum KI-Experten werden.

Mehr Automatisierung kann mehr Zeit für Menschen schaffen

Im Gespräch haben wir auch über einen scheinbaren Widerspruch gesprochen: KI standardisiert Prozesse, automatisiert Aufgaben und beschleunigt Analysen. Gleichzeitig brauchen wir mehr menschlichen Dialog.

Für Joachim ist das kein Widerspruch. Im Gegenteil.

Wenn wir bestimmte Abläufe gemeinsam automatisieren und dadurch Zeit gewinnen, können wir diese Zeit wieder für echte Gespräche und persönliche Verbindung nutzen.

Das ist ein entscheidender Punkt. Die Frage lautet nicht nur: Wie viel effizienter werden wir durch KI? Sondern auch: Was machen wir mit der Zeit, die dadurch frei wird?

Wenn die Antwort lautet, noch mehr Aufgaben in noch kürzerer Zeit abzuarbeiten, haben wir möglicherweise eine Chance verschenkt.

Wenn wir die gewonnene Zeit dagegen nutzen, um unseren Mitarbeitenden zuzuhören, Beziehungen zu stärken und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, kann Technologie die menschliche Führung sogar unterstützen.

Vom Hochleistungsmodus zurück in den Kontakt

Besonders anschaulich wurde Joachims Ansatz, als er von einem Coaching mit einem Unternehmer erzählte.

Der Mann kam hektisch und völlig unter Strom in den Coachingraum. Er war so angespannt, dass an ein konzentriertes Arbeiten zunächst nicht zu denken war. Joachim schlug eine kurze Mentalübung vor.

Die erste Reaktion des Unternehmers auf das Wort Meditation? Sagen wir mal: überschaubare Begeisterung.

Also änderte Joachim das Framing und fragte, ob er sich auf eine Mentalübung einlassen könne. Darauf ließ sich der Unternehmer ein. Beide setzten sich auf Meditationsmatten, und nach der Übung war der Mann ruhiger und klarer. Die gemeinsame Arbeit konnte beginnen.

Ich finde diese Geschichte spannend, weil sie zeigt, wie wichtig es sein kann, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Manchmal ist es eine Frage der Sprache. Nicht jeder kann mit dem Begriff Meditation etwas anfangen. Mentaltraining klingt für manche Führungskräfte zunächst zugänglicher.

Inhaltlich geht es dabei um etwas sehr Grundlegendes: innezuhalten, sich selbst wahrzunehmen und wieder arbeitsfähig zu werden.

Und auch das gehört für Joachim zur Führung: die Fähigkeit, sich auf unterschiedliche Menschen und ihre Bedürfnisse einzustellen.

Fazit: Die Zukunft braucht beides

Ich bin überzeugt, dass uns die KI noch vor viele spannende Herausforderungen stellen wird. Und ich freue mich darauf, diese Entwicklung mitzugestalten.

Was ich aus meinem Gespräch mit Joachim mitnehme, ist die Bedeutung einer Führung, die technologische Offenheit mit menschlicher Nähe verbindet. Unternehmen brauchen beides: eine klare Strategie für den Einsatz von KI und eine Kultur, in der Menschen sich gesehen, beteiligt und wertgeschätzt fühlen.

Oder wie Joachim es auf den Punkt gebracht hat: Menschlichkeit kann zum echten Wettbewerbsvorteil werden.

Das ist kein romantischer Zusatz zum digitalen Wandel. Es ist eine Frage, wie wir in Zukunft zusammenarbeiten wollen.

Und vielleicht sollten wir genau darüber öfter sprechen, bevor wir die nächste KI-Schulung buchen.


Bis dahin – bleibt flexibel! 

eueR Ralf Schmitt 

und das Team der Impulspiloten

Autor

  • ?s=96&r=g

    Ralf Schmitt ist Moderator, Keynote Speaker und Autor für Fehlerkultur, Mindset, Change und Flexibilität in Unternehmen. Unternehmen buchen ihn, wenn es darum geht, mit Unsicherheit souverän umzugehen, ein starkes Ja-Mindset zu entwickeln und Veränderung aktiv zu gestalten.

    Er zählt zu den prägenden Speakern für moderne Führung, Zusammenarbeit und Veränderung in Unternehmen und steht für Keynotes mit hoher Interaktion, klarer Business-Relevanz und unmittelbarer Umsetzbarkeit – getragen von langjähriger Bühnen- und Praxiserfahrung sowie einer starken Mischung aus Expertise und Humor.

    In seinen Vorträgen zeigt er, wie Unternehmen, Teams und Führungskräfte Fehler als Fortschritt nutzen, Flexibilität trainieren und auch unter Druck handlungsfähig bleiben.

    Als Autor, Podcaster, Gründer der Impulspiloten GmbH und Initiator von ImproHotel entwickelt er Formate für Organisationsentwicklung, die Zusammenarbeit, Führung und Veränderung nachhaltig stärken.

    Mehr über seine Arbeit:
    👉 www.schmittralf.de
    👉 www.impulspiloten.de
    👉 www.improhotel.de

    👉 Podcast „Experten Talk“

Diesen Experten Talk teilen

Impulspiloten

Agentur für unkonventionelle
Events und Weiterbildungen

IMPROHOTEL

Erlebnisreisen mit Improvisationstheater

Vaya Wieser-Weber

Vortrag | Moderation | Training

Gratis Hörbuch & Newsletter